Frühlingsgefühle (im Winter)

(auch unpassend, aber schon etwas älter und ein weiteres zartes Tröpfen in meiner Sammlung)

Frühlingsgefühle

Ich spüre, wie ein zartes Lächeln auf mir ruht und als ich mich umdrehe, weiß ich: Er ist wieder da. Liebevoll streicht er mir um die Beine. Seine Wärme küsst meine Haut. Es kitzelt und ich muss lächeln, denn ich habe ihn sehnlichst vermisst. Sein Duft ist immer noch der gleiche, nach Krokussen und Schneeglöckchen. Die frische Luft, die er mit sich bringt, atme ich tief und genüsslich ein. „Fangen wir von vorne an?“, frage ich ihn und auch wenn er nichts erwidert, weiß ich, wie die Antwort lautet. Ich lasse mich in seine Arme gleiten und fange an zu träumen. Ich streichle seine Oberfläche und fliege mit meinen Gedanken immer weiter weg. Mit geschlossenen Augen lausche ich dem Klang seiner Stimme. Sie klingt wie Vogelgezwitscher, das Lachen der Leute, wenn sie spazieren gehen. Sie klingt so beruhigend. Bald kommt auch er“, flüstere ich. Ja“, antwortet er. Bald muss ich fort, dann kommt der Sommer.“

Liebesgeschichte kurz und knapp

„Ich liebe dich.“, sagte der dunkle Mann und küsste die Frau. „Ich liebe dich auch“, sagte sie und strahlte nochmal in voller Pracht. „Aber du weißt, ich muss nun gehen.“, wisperte sie und drückte ihm einen sanften Kuss auf die Schläfe. Der Mann schaute bedrückt weg. „Komm so strahlend wieder, wie heute.“, hauchte er und lächelte zaghaft als er ihr Nicken sah. Dann verschwand sie mit einem letzten Glanz des Meeres und machte ihm nun endgültig Platz. „Es ist eine niemals endende Tragödie.“, dachte der Mann und streckte seine dunklen Flügel über dem Land aus. „Wir werden niemals für immer zusammen sein können.“ Und während er das dachte, rollten im unendliche viele Tränen das nasse Kinn hinab.

Ein kleines Mädchen ging mit ihrer Mutter durch die Straßen. „Mama, der Nachthimmel weint“, flüsterte es und schaute zu den traurig funkelnden Sternen.

Dance or Die, Dennis

(alter Wettbewerbsbeitrag)

Dennis war das Antonym für Tänzer. Bei einfachsten Tanzschritten war er dazu fähig, absurdeste Bewegungen zu vollführen. Er hatte ein sicheres Gespür dafür, jeden Rhythmus in eine Art epileptischen Anfall zu verwandeln. Liebend gerne unterhielt er sich mit anderen über Computer, doch wenn man vom Tanzen sprach, schaltete er ab. Dennis‘ Eltern, die als das berühmte Tanzpaar „Dieter und Dolores“ bekannt waren, hatten es dennoch tausend mal versucht. Wieder und wieder meldeten sie ihn an einer Ballettschule an, und meldeten ihn mit schuldiger Miene und einem „Es tut uns Leid, dass unser Sohn Ihnen so viele Unannehmlichkeiten bereitet hat“ wieder ab. So brachte Dennis seine Jugend ohne einen einzigen Diskobesuch hinter sich.

Frustriert starrte er auf eine kleine, elektrische Kerze, die er selbst gebastelt hatte. Heute war sein Geburtstag und außer einer Glückwunschkarte seiner Eltern hatte er nichts bekommen. Aber er hatte auch nichts anderes erwartet, schließlich hatte er sich schon lange von anderen Menschen abgeschottet. Doch vielleicht war das neue Lebensjahr ein kleiner Neuanfang, wie seine Mutter geschrieben hatte, und vielleicht wäre es Zeit, frische Luft zu schnappen. Entschlossen stand Dennis auf, nahm seine Jacke und ging hinaus.

Auf der Treppe begegnete er einer jungen Frau, die ihn mit einem herzlichen Lächeln begrüßte. „Ich bin die neue Nachbarin. Nett, dich kennenzulernen“, sagte sie mit einem tiefen Blick in seine Augen. Dennis wusste nichts zu erwidern, nickte und ging zur Tür, um seine neue Computerzeitschrift zu kaufen.

Auf einer Bank im Hof sitzend bemerkte er, vertieft in einen lang erwarteten Artikel kaum, dass neben ihm jemand Platz nahm. „So sieht man sich wieder! Wie heißt du eigentlich?“, fragte eine ihm bekannte Stimme. Es war die Stimme seiner neuen Nachbarin.

„Drechsler. Dennis Drechsler. Und Sie?“, erkundigte er sich. „Monika aus dem 4. Stock“, sagte sie vergnügt. Dennis lächelte, wendete sich dann aber wieder seiner Lektüre zu.

„Sag mal, Dennis“, begann Monika. „Du scheinst dich ja echt mit Computern auszukennen. Ich hab gar keine Ahnung davon und bräuchte Hilfe beim Einrichten meines neuen Laptops. Könntest du mir dabei helfen?“ Dennis schaute sie an. So schöne Augen hatte er noch nie gesehen. „Natürlich, wann denn?“,willigte er ein und spürte wie sich seine Menschenfeindlichkeit entfernte. „Wann du Zeit hast“„Von mir aus jetzt“, meinte Dennis und stand langsam auf. Monika lachte verlegen und ging mit geschmeidigen Schritten voraus.

Im 4. Stock angelangt, machte sich Dennis sofort an die Arbeit. Es war eine leichte Übung für ihn, da er sich sein halbes Leben mit Informatik auseinandergesetzt hatte, doch nicht, wenn die schönste Frau der Welt neben ihm saß und jede seiner Bewegungen aufmerksam verfolgte.Vor allem, weil er sich nicht im Klaren war, ob ihr Interesse seinen langwierigen Erklärungen galt – oder etwa ihm selbst!?

Als er fertig war, bedankte sich Monika überschwänglich und lud ihn zu einem kleinen Schnaps ein. Dennis nahm das Angebot an und so fand Monikas Mitbewohner Ramon die beiden ein wenig angetrunken auf dem Sofa wieder. Etwas verlegen gluckste Monika: „Hallo Ramon! Dennis, unser Nachbar, hat meinen Computer eingerichtet! Er ist ja so fingerfertig!“

„Ja, sieht man sofort“, Ramon lächelte ironisch in Dennis‘ Richtung, dessen Gesicht durch den Alkohol einen etwas dümmlichen Ausdruck angenommen hatte. Dann jedoch zeigte der gutaussehende Latino auf das Radio.„Hey, da kommt unser Song! Lust, zu tanzen?“ Monika sprang auf und schmiegte sich an Ramons muskulöse Brust, bevor sie in einen rhythmischen Takt fielen.

Dennis starrte irritiert auf das Tanzpaar. War das Monikas Lover?

Diese löste sich aus Ramons Umarmung und stellte ihn vor: „Das ist mein Mitbewohner. Wir teilen die Liebe zum Tanz. Hast du Lust, mitzumachen?“

Dennis spürte den Brechreiz in sich, doch er ließ sich nichts anmerken und schüttelte den Kopf. „Ach, nein, ich will euch beide nicht weiter stören. Muss eh noch arbeiten, also, bis dann“, verabschiedete er sich schnell. „Was? Du willst schon gehen? Na gut. Bis dann.“, erwiderte Monika schulterzuckend. War sie enttäuscht oder froh, mit Ramon alleine zu sein?

Hastig zog Dennis die Tür hinter sich zu und begab sich in seine spartanisch möblierte Behausung.

Tage vergingen. Dennis‘ Gefühle zu Monika wurden immer stärker. Aber trotz vielversprechender Begegnungen im Treppenhaus merkte er, wie viel zwischen ihnen lag: Freudestrahlend erklärte sie ihm beim gemeinsamen Müllrausbringen, dass sie zusammen mit Ramon um den Titel „Dancing Queen and King“ kämpfte. Sie fragte, ob Dennis nicht Lust hätte, beim Training zu zusehen. Doch als Dennis dann dort saß und zuschaute, wie sich die beiden wie Ying und Yang ergänzten, spürte er quälend wie nie zuvor Eifersucht in sich aufsteigen.

„Ramon ist krank!“ Schluchzend fiel Monika zwei Wochen später Dennis in die Arme. „Der Wettbewerb ist für mich gestorben! Oder“– sagte sie mit einem Blick in seine Augen – „Eigentlich wollte ich sowieso nur mit Dir tanzen. Wenn du vielleicht… Sag einfach ‚Ja‘, Dennis“ Und er sagte „Ja“. Doch trotz Monikas Wärme lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken.

Nach stundenlangem Üben dämmerte auch Monika die Vergeblichkeit ihres Bemühens. „Vielleicht ist es besser, wenn wir für heute abbrechen. Morgen bist du bestimmt besser in Form. Das ist nur die Aufregung“. Dennis war sich da nicht so sicher. „Ich bin eine Null.“, dachte er. „Nur Technik-Wissen bringt mich ja doch nicht weiter. Oder etwa doch?“. Plötzlich reifte in ihm eine Idee. Wenn es mithilfe von Elektronik gelänge, Körperbewegungen im Takt der Musik zu steuern? Noch lange brannte an diesem Abend in seiner Küche die kleine Energiesparlampe.

Ein neuer Dennis war es, der am nächsten Tag die schlaftrunkene Monika zu den Klängen von „Dance or die“ im Tanzschritt durch die Wohnung führte. „Wie hast du das nur geschafft?“, jubelte sie fröhlich, doch Dennis verschwieg sein kleines Geheimnis, indem er das Sprichwort „Übung macht den Meister“ zitierte. Monika musste ja nicht unbedingt von dem kleinen Kasten wissen, der mit Hilfe schwach dosierter Stromstöße im Takt der Musik, ekstatische Tanzschritte in Dennis hervorrief.

Auch als er mit Monika kurz vor dem Wettbewerb noch einmal übte, klappte alles. „Du bist super, Dennis! Ich liebe dich“, rief sie und sprang ihm in die Arme. Dennis war so perplex, dass er in ein Blumenbeet stolperte. Schockiert schaute er auf sein kleines Gerät, doch es schien noch zu funktionieren. „Komm, wir gehen gewinnen“, flötete Monika, half ihm auf und ging Hand in Hand mit ihm rein.

Zehn Minuten später rief man beide auf die Bühne. Siegessicher vernahm Dennis die ersten Töne des Musikstückes, aber er spürte nichts. Keine Stromstöße! Das verdammte Gerät! „Ich kann nicht“, flüsterte er. Genau da ertönte der Refrain: Dance or Die! Monika zischte: „Tanz oder stirb, Dennis!“ Wie in Trance zappelte dieser verzweifelt mit allen Gliedmaßen, unfähig für nur einen richtigen Schritt. Monika versuchte die Choreografie mit geschmeidigen Bewegungen zu retten, doch als der letzte Ton des Songs verklang, war sie den Tränen nah. „Du kannst ja nichts dafür“, sagte sie, als sich Dennis stammelnd entschuldigte. Er hatte alles versaut. Doch plötzlich begann das Publikum zu klatschen, einige warfen rote Rosen auf die Bühne und durch den Lautsprecher rief jemand, dass das der beste Tanz seit 10 Jahren sei. Verwundert schauten sich beide an. „Ich liebe dich“, sagten sie synchron und küssten sich leidenschaftlich. Das Publikum jubelte noch lauter. Da spürte Dennis ein intensives Kribbeln in sich aufkommen. Auch Monika fühlte es, aber sie sagte nur glücklich: „Das ist Liebe“. Doch es war keine Liebe. Es war das kleine Gerät an Dennis‘ Bauchgurt, was nun mit voller Stromstärke auf die beiden einwirkte. Dennis wollte gerade die ganze Geschichte erklären, da wurden die beiden von einem heftigen Stromschlag erwischt. Liebe macht wohl doch nicht unsterblich.

Frühlingssinne

(passt grad nicht, ist schon 6 Jahre alt)

Frühlingssinne 

Ein sanfter, warmer Wind streichelt meine Haut

Neue Düfte verwöhnen meine Nase

Vogelgezwitscher umschmeichelt mein Ohr

Eine saftige Blumenwiese erfreut meine Augen

Bald werden die ersten Erdbeeren meine Geschmacksnerven entzücken

So kann ich den Frühling mit allen fünf Sinnen erleben!

Guido

Guido

Es war wie Sommer im April

da stand die Zeit so plötzlich still

Ich erzitterte am ganzen Leibe

starrend auf die Fernsehscheibe

denn Fukushimas mächt’ge Strahlen

die verseuchten euch die Wahlen

Die Menschen waren konsequent

und gaben euch nur vier Prozent

Tags zuvor bei den Chinesen

war noch alles gut gewesen

morgens stiegst du aus dem Flieger

lächeln tatst du wie ein Sieger

sprachst beim Liberalen-Treff:

Bald bin ich nicht mehr der Chef“

Die Reaktion war eher trist,

abgelaufen deine Frist

doch kaum warst du weg vom Thron

meldete sich Rösler schon:

Wollt ihr mich zum Vorsitz wählen?

Armer Guido, das muss quälen!

Ich sag eurer FDP,

so wie ich die Sache seh:

Ob mit Welle oder Rose

geht das gleich tief in die Hose! 

Ein Mann und sein Klavier

(alter Wettbewerbsbeitrag zum Thema „Musikinstrument“)

Wer am Ufer der Spree langgeht, dem ist vielleicht schon mal das kleine, bierförmige Denkmal aufgefallen. Dahinter verbirgt sich die tragische Geschichte eines Obdachlosen:

Es war ein grauer Novembertag an dem der Obdachlose Hans-Günther betreten unter seiner Brücke hervortrat. Einst hatte er solche Leute ausgelacht: Solche, die Socken in Badelatschen trugen. Solche, die nichts weiter als ein Handtuch umgebunden hatten. Und so einer war er nun. Seine struppigen Haare waren von Fetttropfen durchzogen und mit Zweigen geschmückt. Den Bart konnte man locker 8-Wochenbart nennen, so ungepflegt war er. Wäre er doch nicht pleite gegangen! Damals war alles besser. Als Manager mit Geld…Wohin war sein luxuriöses Leben? Früher bestand seine Arbeit darin, Leuten zu sagen, was sie tun sollten. Aber heute!? Er war froh, wenn ihn niemand auf der Straße erkannte und ihm paar Münzen zugesteckt wurden. Doch das alles war im Vergleich zu früher nichts, gar nichts.

Hans-Günther beschloss seinen Kumpel Tommy zu rufen, damit sie einen gemeinsamen Spaziergang machen konnten. Tommy war einst sein treuster Assistent, der immer zu ihm hielt auch heute war er bei ihm geblieben. Er ging mit ihm durch Reichtum, Niederlagen, und vielleicht auch durch den Tod… „Tommy!“, brüllte Hans-Günther aus Leibeskräften.

Zwei Minuten später kam ein muskulöser junger Mann ans Ufer. „Gehn wa heut mal inne Pinte?“, begrüßte Hans-Günther seinen Kumpel gutmütig. Tommy nickte gehorsam und zeigte auf die kleine Eckkneipe „Zum fröhlischen Vasager“, die schon Jahre geschlossen war. Doch für Prahlerei gegenüber den anderen Obdachlosen reichte es, kurz das leer stehende Gebäude zu betreten und dann scheinbar besoffen nach Hause zu wanken. Tommy betrat den kleinen Raum und hielt schüchtern die Tür auf. Hans-Günther hinter ihm, blieb stehen und betrachtete wie ein Hund einen in der Ecke stehenden Gegenstand. „Das ist ein Klavier“, erklärte Tommy leise. „Ick weeß, aber watt machtet hier?“, zischte Hans-Günther. „Ein Klavier ist ein Instrument. Damit kann man Spielen. Schöne Musik…“, Tommy lächelte breit, setzte sich auf den Klavierhocker und begann irgendein langes melancholisches Stück zu spielen, was Hans-Günther nicht die Bohne interessierte. „Lass mich mal ran“, forderte er nur und setzte seine dicken Wurstfinger auf dieTasten. Tommy lauschte dem Klang. „Wunderschön. Ich wusste nicht, dass du spielen kannst. Ist das nicht ‚Oh, du lieber Augustin’?“ Hans-Günther sah ihn irritiert an. „Möglich. Aber weißte, Tommy. Warum packen wa ditt Teil nich einfach zu mir? Dann kann ick da meene Pfandflaschen rinn tun“„Oder du verkaufst es… ich meine, dass es noch gut in Form. Außer hier unten da fehlt ’n Stück Bein, aber das ist Teakholz! Damit spielen doch so große Komponisten wie Beethoven!“; schlug Tommy vor. „Beethoven? Klar, der mit die Rumkugeln. Musst ick früher mit meene pikfeine Frau alle Opern ankieken“ antwortete der Chef und schob das Instrument aus der Tür. Tommy eilte sofort zur Hilfe und gemeinsam rollten sie es zur Brücke. Dort angekommen legte Hans-Günther zufrieden seine große Pfandflaschensammlung in das Innere des Pianos und schloss dann sorgfältig ab. Gott sei Dank hatte das Klavier einen Schlüssel! Heutzutage musste man aufpassen. Guckste einmal nich hin, isses wech, datt zeuch, pflegte seine Großmutter immer zu sagen und sie hatte Recht. Hans-Günther packte die Sehnsucht und er fing an das einzige Lied, das er konnte, zu spielen und selbstverständlich sang er mit:„Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin, oh du lieber Augustin alles ist hin. Geld ist weg, Beutel ist weg, August liegt auch im Dreck. Oh du lieber Augustin, alles ist hin“ Wie ähnlich ihm der Augustin doch war. Die beiden teilten sich ein Schicksal. Doch was war das für ein Klang? Durch die Flaschen entstand eine kraftvolle Melodie, die Hans-Günther noch nie gehört hatte. Auf einmal klang dieses einfache Lied, wie eine schwermütige Ballade und auch dem sonst so emotionslosen Mann kullerten auf einmal dicke Tränen die Wange hinab. Wieder kehrten die Erinnerungen an seine schöne Arbeitszeit zurück. Die lächerlichen Kollegen gingen ihm einfach nicht aus dem Kopf!

Sagen Sie, haben Sie gerade eben so wundersam gespielt?“, holte ihn ein Mann aus seinen Träumen zurück. „Klar“, antwortete Hans-Günther und tat cool. „Elke! Hierher kommt die tolle Musik! Von dem Penn… äh dem Mann hier“, rief der Typ einer Frau zu. Auf einmal kamen viele, viel zu viele Menschen, um sich zu vergewissern, dass dieser einfach Obdachlose grade eben diese schöne Melodie hervorgezaubert hat. Ein paar Leute hielten Plakate mit der Aufschrift „HaGü, du bist unser Mann“ hoch. Mit neuem Tatendrang spielte dieser noch einmal das Lied und die Fans sangen mit.

In den nächsten Tagen drehte sich alles nur um Hans-Günther. „Obdachloser wird berühmt“ hieß es in den Zeitungen und ganze Menschenmassen stürzten zu der kleinen Brücke unter der ein „wahres Wunder“ saß und spielte. Hans-Günther hingegen sammelte weiterhin Pfandflaschen und luchste den Leuten ein bisschen Geld ab. Zufrieden über den ganzen Trubel setzte er sich abends in seinen Sessel und lauschte den Wellen. Es gab nur noch wenige Stunden, in denen er allein war. Diese war eine davon. Doch dann begrüßte ihn eine warme Frauenstimme. „HaGü? Ich hätte da ein paar Fragen“. Die Frau erzählte, sie sei von einer Agentur „gegen Obdachlosigkeit“ und lud den Newcomer herzlich zu einem Fest ein, er solle doch bitte für die Besucher spielen, es werde sicher ganz toll. Hans-Günther hatte wohlwollend genickt und der Frau zum Abschied gewunken. Müde hatte er sich danach eingekuschelt und bis Mittwoch durchgeschlafen.

Mittwoch war ein wunderschöner Tag. Genau richtig, für ein Konzert. Das spürte auch Hans-Günther, der nervös die Noten zu „Augustin“ wiederholte. Er atmete tief durch, dann war es so weit. Das Piano und er wurden abgeholt. Nicht weit von der Brücke entfernt war ein nobles Restaurant, in dem Hans-Günther spielen sollte. Ganz romantisch am Wasser. Für die höhere Gesellschaft, zu der er früher auch gehört hatte. Früher. Jetzt war er ein anderer Mensch. Doch mit seiner Karriere ging es wieder steil bergauf. Das Glück lag eben einfach nicht auf der Straße. Man musste es schon selbst finden… und das hatte Hans-Günther vor. Bei dem Konzert würde er alles geben, alles! Entschlossen betrat er die weiße Terrasse. Tommy ermutigte ihn, Hans-Günther lächelte nur selbstsicher, aber als er die vielen Besucher sah, kroch ihm Nervosität in den Nacken.

Fünf Minuten später fing mit viel Gejubel die Show an. HaGü legte kunstvoll seinen schmutzigen Finger auf das edle Holz. „Günthi! Schatz“, rief jemand. „Ist das nicht Harnisch von der „Westerninvestbanc“?“, fragte ein anderer und löste damit das Chaos aus. Hans-Günther ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen und begann zu spielen. Leider verpatzte er den Anfang und drückte so doll auf das „G“, dass eine Flasche im Inneren des Klaviers zersprang. Erschrocken öffnete er den Deckel und schaute nach. Es war die holländische Bierflasche. Ausgerechnet! Das Publikum hatte den Knall natürlich bemerkt. Einige traten näher heran und fingen an zu lachen. „Der kann gar nicht spielen! Der hat nur Flaschen in sei’m Klavier!“, brüllte ein junger Bursche. Hans-Günther wurde wütend. Er kickte einen kleinen Stein, der das Klavier stützte, weg, das Piano rollte los und er stellte sich davor, weil er keinen anderen Weg außer dem Tod sah ,stürzte samt Klavier die Klippe hinab und versank schließlich mit lautem Krach im schwarzen Wasser der Spree. Die Leute hatten das Schauspiel interessiert beobachtet, doch keiner traute sich mitten in der Nacht ans Ufer zu gehen und HaGü aus dem Eis zu bergen.

Hans-Günther wurde niemals mehr gesehen, doch manchmal, an kalten Weihnachtsnächten glauben die einsamen Obdachlosen unter der Brücke eine leise zärtliche Melodie zu hören. „Oh, du lieber Augustin“ Sie schauen sich dann tief in die Augen und sagen „HaGü spielt wieder für uns“.